07.08.2013

Das ArbeitgeberInnenmodell – eine Nachbarin berichtet

Was ist das ArbeitgeberInnenmodell? ArbeitgeberIn trotz Pflegebedürftigkeit?

Als Mensch mit einer schweren körperlichen Behinderung bin ich im Alltag aufgrund meiner Einschränkung auf andere Menschen angewiesen, die mir bei den täglichen Handgriffen assistieren. Bis 2005 war ich Klientin eines ambulanten Pflegedienstes. Das änderte sich 2006; von Januar bis September praktizierte ich das Kombimodell. Hier konnte ich meine AssistentInnen für das Wochenende selbst auswählen und einstellen. Vorab musste ich natürlich wissen, wieviel die ambulante Pflege am Wochenende für mich kostet um meine eigenen Angestellten genehmigt zu bekommen. Unter der Woche erhielt ich dann Unterstützung durch den ambulanten Pflegedienst. Im Oktober 2006 gab es die einschneidende Veränderung: seither nutze ich die persönliche Assistenz im Rahmen des ArbeitgeberInnenmodells. Das heißt, ich beschäftige meine persönlichen AssistenInnen selbst und kann mir diese auf dem freien Arbeitsmarkt suchen. Momentan sind drei Vollzeitkräfte, drei StudentInnen auf Gleitzone und zwei MinijobberInnen bei mir beschäftigt. Meine AssistenInnen suche ich im Internet, zum Beispiel bei Hunderttausend.de, bei einer speziellen Assistenz-Börse, der Tageszeitung oder online beim Arbeitsamt. Dabei hilft mir das Arbeitsamt mit der Jobbörse. Wenn ich beim Arbeitsamt online suche, muss ich meine Betriebsnummer angeben. Mit den BewerberInnen führe ich ein ausführliches Vorstellungsgespräch. Bei gegenseitiger Sympathie lade ich die Bewerberin zum mehrmaligen Probearbeiten ein. Wenn das Probearbeiten gut klappt, wird das Probearbeiten mitbezahlt. Hierbei übernimmt sie stundenweise verschieden Tag- und Nachtdienste, um die jeweiligen Aufgaben zu erlernen. Das Zentrum für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen (Zsl) ist Träger des “ArbeitgeberInnenmodells für behinderte Menschen”. Es unterstützt mich auf dreierlei Weise: zum einen unterhält das ZsL eine ständige Assistenzbörse und bietet eine Prüfung der BewerberInnen an. Darüber hinaus werde ich mit Rat und Tat bei der Schulung meiner AssistentInnen, der Gestaltung der Arbeitspläne und bei Rechtsfragen unterstützt. Dass die Beschäftigung mehrerer AssistentInnen schließlich mit einem hohen Maß an Bürokratie einhergeht, ist klar. Hier hilft mir das ZsL bei der Verwaltung und der Abrechnung. Für mich bedeutet das, monatlich Daten über Krankheitsausfälle, Urlaubstermine oder ähnliches an das ZsL zu übermitteln. Durch das ArbeitgeberInnenmodell habe ich ein hohes Maß an Lebensqualität wiedererlangt, es erlaubt mir mein Leben flexibler und mit einem höheren Maß an Spontanität zu führen als das vorher möglich war.

Informationen zum ArbeitgeberInnenmodell:

Das ArbeitgeberInnenmodell als persönliche Assistenz entstand in den 70er Jahren und soll behinderten Menschen ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen. Dazu gehören eine eigene Wohnung und die Möglichkeit, einen Beruf auszuüben und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. In Deutschland gibt es zur Zeit etwa 3000 behinderte ArbeitgeberInnen – Tendenz steigend. Meistens handelt es sich um Menschen zwischen 25 und 50 Jahren. Der älteste bekannte Arbeitgeber ist jedoch 98. Die Schwerbehinderten stellen ihre AssistenInnen nach dem ArbeitgeberInnenmodell selbst mit Arbeitsvertrag ein. Finanziert werden die Arbeitskräfte von Sozialämtern, Kranken- und Pflegekassen. Die pflegebedürftigen AssistenznehmerInnen sorgen selbst für die notwendig Einarbeitung und übernehmen den größten Teil der Verwaltung; das spart Kosten. Gleichzeitig wird die Pflegequalität verbessert und neue Arbeitsplätze geschaffen.

Assistenz bedeutet, Menschen mit starken körperlichen Beeinträchtigungen bei alltäglichen Verrichtungen zu unterstützen, wie Essen, Trinken, An- und Auskleiden, Körperpflege, Toilettengänge, Schreiben, Lesen, Waschen und bei Unternehmungen außerhalb der Wohnung, aber auch am Arbeitsplatz, im Studium und bei der Freizeitgestaltung. Da sich viele Hilfeleistungen nicht vorab planen lassen, ist es wichtig, dass die AssistentInnen für alle Arten von Unterstützung zuständig sind. Diese “Hilfe aus einer Hand” erspart zudem Koordinationskosten und hält die Zahl der HelferInnen gering.

Zu näheren Informationen zum ArbeitgeberInnenmodell stehe ich gerne zur Verfügung.

Donate Kreutz

Hof 17

 

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